Vom Kurieren und Karikieren

Was uns ein DnD-Meme über unseren Ableismus sagt

CN: Ableismus/ Behindertenfeindlichkeit, DnD Memes

Morgens nach dem Wachwerden schnappe ich immer gern noch mal ein paar Dinge aus dem englischsprachigen Rollenspiel-Twitter auf. Heute gab es Diskussionen um einen Witz der Twitter/Reddit-Seite „DnD Memes“ . Dem Account selbst bin ich schon länger entfolgt. Geblockt hab ich ihn sogar. Nach anfänglicher Schmunzelei war mir das zu viel Stammtischhumor für toxische Spielleitungen. Brauche ich nicht in meinem Feed.

Heute schwappte da aber wieder in Screenshots ein Meme in den Diskussionen mit. Kritisiert wurde ein Meme im „Lisa Simpson beim Vortrag“-Format mit der Aufschrift:

If having your character´s disability cured „ruins your character“ you weren´t playing a person, you were playing a caricature.

Ganz schön sperrig. Und in all seinen kleinen Details nicht so einfach auseinander zu basteln. Ich übersetze mal versuchsweise:
„Wenn die Behinderung deines Rollenspielcharakters geheilt wird und das deinen Rollenspielcharakter kaputtmacht, dann hast du keinen Charakter gespielt, sondern eine Karikatur.“
Spoiler: Das ist ein übles Take und zeigt uns etwas über unsere weit verbreitete Denke zum Thema Behinderung.

Versuchen wir es mal ganz positiv und mit extra viel Wohlwollen: Was wollte uns die verfassende Person wohl damit sagen? Wahrscheinlich, dass es nicht okay ist, Menschen mit Behinderung auf ihre Behinderung zu reduzieren und ihnen Persönlichkeit abzusprechen. Das ist ein legitimes Anliegen. Das passiert. Wenn es dieses noble Anliegen je gegeben hat, ist es aber mit einem pirouettenhaften Kopfsprung in der Jauchegrube des Ableismus gelandet. Was wir mit unseren Aussagen unbewusst reproduzieren ist halt oft wichtiger, als das was wir uns auf die Fahne schreiben.

Was sagt man hier nämlich noch?
1. Ein Charakter sollte immer so gestaltet sein, dass er sich nicht verändert, wenn man eine Behinderung hinzufügt oder wegnimmt. Persönlichkeit ist also unabhängig von Behinderung. Das Heilen einer Behinderung im Rollenspielkontext sollte also einen Charakter irgendwie nicht antasten.
2. Alles andere ist Karikatur, also eine Überzeichnung.
Na? Langsam kommen wir Pudels Kern etwas näher…

Im ersten Teil geht es darum, dass Behinderung und Persönlichkeit nichts miteinander zu tun haben. Wir haben da dieses diffuse Konzept eines „Charakters“, der zuerst da ist und Behinderung ist also immer ein „Malus on top“. Bei DSA würde man sie für Punkte kaufen. Und dann vielleicht einen Story-Arc daraus basteln, wie man sie wieder los wird. Behinderung ist also nicht Teil der persönlichen Entwicklung, der Identität und nicht bestimmend für das gesamte Erleben des betroffenen Menschen?
…es liest sich immer unangenehmer nicht wahr?

Nun zur Karikatur. Nehmen wir an, wir haben einen Spielcharakter und dessen Persönlichkeit hat wesentlich mit einer Behinderung zu tun. Nun tritt die spontane magische Heilung ein. Uns gefällt das aber nicht. Jemand hat in unseren Charakter eingegriffen und erhebliche Teile ausgehebelt. Laut Meme war dieser Charakter also eine Karikatur. Eine Übertreibung. Welche Lesart bleibt also übrig, außer:

„Wer behauptet, Behinderung habe mit Charakter, Persönlichkeit und Identität zu tun, der übertreibt.“

Als nicht-behinderte Menschen ist uns wohl allzu oft der Gedanke völlig fremd, dass Behinderung eben doch etwas mit Persönlichkeit zu tun hat. Natürlich ist zum Beispiel Trisomie 21 keine Persönlichkeit. Aber sie ist für die Entwicklung, die Identität und das Erleben des betroffenen Menschen ein ständig wirksamer Faktor. Nicht zuletzt, weil wir als Gesellschaft ihn immer wieder wirksam machen.

In unseren Köpfen steckt diese Separations-Tendenz, Behinderung zu betrachten als etwas „unerwünscht Eingedrungenes“ in einem andernfalls „normalen Leben“. Das schadet Menschen mit Behinderung erheblich. Behinderungen sind nämlich einfach ein Teil des Lebens Betroffener und wenn man diesem Trennungs-Gedanken folgt, trennt man auch diese Menschen von der Gesellschaft ab. Das passiert auch immer wieder ganz wörtlich und bis in letzte Konsequenz: Ableismus tötet.

Was Menschen mit Behinderung zu Recht für sich einfordern ist Inklusion. Es soll nicht heißen, dass man alles tun und sein kann, „trotz“ Behinderung, sondern gerade „mit“ Behinderung. Und wo sonst wäre das einfacher als im Rollenspiel? Einem Fantasieland des So-Tun-Als-Ob, in dem alles möglich und denkbar ist. Menschen mit Behinderung zu erklären, dass sie ihre Behinderung charakterlich zu transzendieren haben, ist einfach ein anmaßender und fehlgeleiteter Gedanke. Überhaupt: Warum den Spielenden am Tisch solche Vorschriften machen? Ich sag es einfach mit einem meiner Lieblingszitate aus Roll Inclusive:

Im Idealfall trägt Rollenspiel dazu bei, dass Menschen ermutigt werden, die Geschichten über sich zu erzählen, die ihnen guttun; ihre eigenen auf sie zugeschnittenen Narrative.

David Grade in Roll Inclusive: Psychische Auffälligkeiten im Rollenspiel


Also, liebe Spielleitungen und nicht behinderte Spielende:
Behinderung ist kein Quest mit dem Ziel Heilung. Behinderungen sind Teile von Lebensrealitäten. Es ist keine Übertreibung, wenn Behinderungen einen Charakter und seine Identität mitgestalten. Nehmen wir das furchtbare Meme als Lernanstoß und machen wir Platz am Tisch auch für die, die allzu oft aus dem Bild geschoben werden. Diversität ist keine Restriktion, sondern eine Befreiung!

In diesem Sinne: Geht spielen!

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